Feinfühligkeit in der Sprache von postpartal depressiven und gesunden Müttern in der Interaktion mit ihrem Säugling

Der Ausgangspunkt der vorliegenden Arbeit lag im Spannungsfeld medizinischer, psychologischer und linguistischer Aspekte. Zentrum des Interesses war die Auffindung verlässlicher Prädiktoren für mütterliche Sensitivität und damit wahrscheinlich sicherer Bindung des Kindes in der mütterlichen Sp...

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Bibliographic Details
Main Author: Bieneck, Antje (Author)
Format: Book/Monograph Thesis
Language:German
Published: 2013
DOI:10.11588/heidok.00016120
Subjects:
Online Access:Resolving-System, kostenfrei, Volltext: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:16-heidok-161206
Resolving-System, Volltext: https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:bsz:16-heidok-161206
Langzeitarchivierung Nationalbibliothek, Volltext: http://d-nb.info/1177810794/34
Verlag, kostenfrei, Volltext: http://www.ub.uni-heidelberg.de/archiv/16120
Resolving-System, Unbekannt: https://doi.org/10.11588/heidok.00016120
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520 |a Der Ausgangspunkt der vorliegenden Arbeit lag im Spannungsfeld medizinischer, psychologischer und linguistischer Aspekte. Zentrum des Interesses war die Auffindung verlässlicher Prädiktoren für mütterliche Sensitivität und damit wahrscheinlich sicherer Bindung des Kindes in der mütterlichen Sprache. Durch welche Sprachcharakteristika der Mutter erfahren Kinder deren Feinfühligkeit? Ist es ihre Sprachintention, ihr Sprachfokus, ihre „mind-mindedness“, der Sprachinhalt, ihr Tonfall, die Sprachweise, der Objektfokus oder die Art wie sie ihren Säugling berührt? Das „Konzept der Feinfühligkeit“ von Ainsworth (mit Bell & Stayton, 1974), eine Weiterführung der Bindungstheorie von Bowlby und Ainsworth, bei der neben den bereits bekannten Einflussfaktoren erstmalig auch die mütterliche Feinfühligkeit Berücksichtigung fand, sollte als Untersuchungsgrundlage dienen. Hauptziel war die Erstellung einer möglichst vollständigen „feinfühligen und entwicklungsfördernden Sprachstruktur“ durch die Identifikation möglichst vieler relevanter Sprachkategorien. Konkret sollte der Frage nachgegangen werden, ob es Unterschiede in der Ausprägung von Feinfühligkeit in der mütterlichen Sprache gibt, die durch das Vorliegen einer postpartalen Depression der Mutter bestimmt werden und ob etwaige Differenzen auch in Unterschieden der Interaktion mit ihrem Säugling begründet liegen. Postpartal depressive Mütter wurden dazu mit Müttern einer nicht-klinischen Kontrollgruppe hinsichtlich der Präsenz verschiedener Strukturvariablen von Feinfühligkeit in ihrer Sprache verglichen. Über die Methode der kombinierten Längs- und Querschnittstudie wurden 73 Mutter-Kind-Dyaden nach dem „Still-Face-Paradigma“ zu zwei Messzeitpunkten (T1 – Akutphase, T2 – Remission) jeweils sechs Minuten videografiert und anschließend mit dem SCMS (Zipser, Montini & Reck, 2008) und den MSRS-R (Cenciotti, Tronick & Reck, 2004) ausgewertet. Es kamen circa 40.000 “utterances“ (SCMS) und 1000 “ratings“ (MSRS-R) von 58 Müttern, davon 28 mit gesicherter Diagnose einer postpartalen Depression, im Alter von 23 - 43 Jahren in die Auswertung. Die Vielzahl der vorliegenden sprachspezifischen Daten ermöglichte eine erste empirische Anwendung des SCMS mit zehn Hauptstrukturkomponenten und 48 Sprachmerkmalen. Folgende Erkenntnisse konnten gewonnen werden: • Angemessene Sprache mit Bezug zu Vorausgegangenem, sanfte Berührungen, positiver Tonfall und ein zustandsbezogener Sprachfokus charakterisierten die feinfühlige, entwicklungsfördernde Sprache einer Mutter stärker als andere Merkmale (über 50% der Interaktionszeit). • Die Sprache depressiver Mütter unterschied sich hinsichtlich ihrer Feinfühligkeit insgesamt nur unwesentlich von der Sprache gesunder Mütter. Einzig konnten die seltenere Verwendung eines angemessenen und bezogenen Sprachinhalts und eines positiven Tonfalls bei PPD-Müttern als Prädiktoren unfeinfühliger Sprache nachgewiesen werden. • Der Interaktionsstil war im Allgemeinen „sensitiv“ (71%). • Sensitive Mütter bevorzugten insgesamt eher eine feinfühligere und entwicklungsförderndere Sprache als insensitive Mütter. Man kann vermuten, dass insensitive mütterliche Sprache durch Training verbesserbar ist. • Es konnten sechs sprachliche Prädiktorvariablen für günstige Sprache (beschreibende Sprache, positiver Sprachinhalt, angemessene und bezogene Reaktion bei PPD-Müttern, positiver Tonfall, Fragen und sanfte Berührungen) verifiziert und zwei neue (unverständliche Äußerungen, kindbezogener Sprachfokus) hinzugefügt werden. • Intrusive Mütter hatten im Vergleich zu nicht intrusiven Müttern insgesamt eine unfeinfühligere, entwicklungshemmendere Sprache. • Zwei Sprachprädiktoren für ungünstige Sprache (mutterbezogener Sprachfokus und negativer Tonfall bei insensitiven PPD-Müttern) wurden bestätigt und sieben weitere (Spiele/ Lieder, „non-mind-related-comments“ bei intrusiven PPD-Müttern, neutraler Sprachinhalt, Aussagen, Wiederholung, thematische Wiederholung und grobe Berührung) ermittelt. • Die inhaltliche Betrachtung der Ergebnisse erlaubt die Interpretation einer Verbesserung des Interaktionsstils durch die Verwendung beziehungsweise den Nichtgebrauch der Prädiktorvariablen. • Der Faktor Messzeitpunkt wirkte sich auf einige Variablen eher ungünstig aus. So wurden positiver Sprachinhalt (p < .01) und Berührungen (p < .05) an T2 seltener verwendet, dafür häufiger Spiele/ Lieder (p < .05) und neutraler Sprachinhalt(p < .01). • PPD-Mütter an T2 hatten zudem eine schlechtere Responsivität (seltener angemessene und bezogene Sprache, (p < .05), seltener einen positiven Tonfall (p < .01) und lachten weniger (p < .05), stattdessen bevorzugten sie gegenüber gesunden Müttern häufiger einen neutralen Tonfall (p < .01). Diese Ergebnisse sollten in der weiteren Planung von Mutter-Kind-Therapien für postpartal depressive Mütter beziehungsweise bei der Unterstützung bindungsfördernder Strukturen Berücksichtigung finden. Als Hilfestellung kann das SCMS (s. Kap. 12 und Kap. 20.4.2) verwendet werden. 
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