Zur Bedeutung intersubjektiver Anerkennung für die Entstehung und Therapie von Schizophrenien: phänomenologische und sozialpsychiatrische Beiträge
In der vorliegenden Arbeit wird die Fragestellung untersucht, welche Bedeutung Erfahrungen von Anerkennung für die Entstehung und Therapie der Schizophrenie besitzen. Die Arbeit setzt an gegenwärtigen Debatten der Sozialpsychiatrie sowie der Phänomenologischen Psychiatrie zur Relevanz sozialer Fa...
Gespeichert in:
| 1. Verfasser: | |
|---|---|
| Dokumenttyp: | Buch/Monographie Hochschulschrift |
| Sprache: | Deutsch |
| Veröffentlicht: |
Heidelberg
14 Apr. 2025
|
| DOI: | 10.11588/heidok.00036401 |
| Schlagworte: | |
| Online-Zugang: | Resolving-System, kostenfrei: https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:16-heidok-364018 Resolving-System, kostenfrei: https://doi.org/10.11588/heidok.00036401 Verlag, kostenfrei, Volltext: http://www.ub.uni-heidelberg.de/archiv/36401 Resolving-System, kostenfrei: https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:bsz:16-heidok-364018 Langzeitarchivierung Nationalbibliothek, kostenfrei: https://d-nb.info/1363073346/34 |
| Verfasserangaben: | vorgelegt von Lukas Benjamin Iwer-Docter ; Doktorvater: Herr Prof. Dr. med. Dr. phil. Thomas Fuchs |
| Zusammenfassung: | In der vorliegenden Arbeit wird die Fragestellung untersucht, welche Bedeutung Erfahrungen von Anerkennung für die Entstehung und Therapie der Schizophrenie besitzen. Die Arbeit setzt an gegenwärtigen Debatten der Sozialpsychiatrie sowie der Phänomenologischen Psychiatrie zur Relevanz sozialer Faktoren für das Verständnis von Schizophrenien an. In der Einleitung werden aktuelle Positionen zum psychiatrischen Verständnis von Schizophrenien vorgestellt, die Relevanz von Anerkennungstheorien für die vorliegende Fragestellung skizziert sowie die theoretischen Hintergründe der Arbeit in der Sozialpsychiatrie, Phänomenologischen Psychiatrie und Kritischen Theorie dargestellt. Im zweiten Kapitel wird das psychiatrische Störungsbild der Schizophrenie diagnostisch, psychiatriehistorisch und epidemiologisch eingeordnet. Im Anschluss werden aktuelle Befunde zur Entstehung, Aufrechterhaltung und Therapie der Schizophrenie dargestellt, die eine Relativierung einer vornehmlich biologischen Perspektive auf das Verständnis von Schizophrenien nahelegen und verstärkt psychosoziale Aspekte in den Blick psychiatrischer Forschung rücken. Darauffolgend wird die Schizophrenie aus einer phänomenologischen Perspektive als Störung des basalen Selbsterlebens beschrieben, die mit einer Veränderung des Zeiterlebens und der Handlungsfähigkeit der Betroffenen einhergeht. Phänomenologische Forschungsarbeiten zur Relevanz intersubjektiver Faktoren für die Entstehung und Therapie von Schizophrenien werden dargestellt, an die mit einer Phänomenologie der Anerkennung angeschlossen wird. Die wesentlichen anerkennungstheoretischen Vorarbeiten für die hier entwickelte Phänomenologie der Anerkennung stammen von der Psychoanalytikerin Jessica Benjamin sowie dem Philosophen Axel Honneth, beide Vertreter*innen der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule. In der Darstellung dieser Arbeiten wird Anerkennung einerseits als im Sozialisationsprozess erworbene Haltung gegenüber anderen Personen bestimmt, die diesen anzeigt, dass sie einen Wert für die jeweils andere Person besitzen. Darüber hinaus wird Anerkennung als wechselseitige Beziehung beschrieben, in der zwischenleibliche sowie sprachliche Aspekte zentral sind, die ein Vertrauen in die soziale Welt ermöglichen. Die kontinuierliche Erfahrung von Anerkennung wird als bedeutsam für psychische Gesundheit und ein selbstbestimmtes Leben begriffen. Eine erste anerkennungstheoretische Analyse der Schizophrenie des Sozialpsychiaters Erich Wulff wird dargestellt und kritisch gewürdigt. Im Anschluss daran werden empirische Befunde zur sozialen Bedingtheit von Schizophrenien anerkennungstheoretisch analysiert. Gegenwärtige sozialpsychiatrische Forschungsarbeiten werden im Modell des Social Defeat zusammengefasst, der wiederholten Erfahrung sozialer Ausgrenzung, die einen Risikofaktor für die Entstehung von Schizophrenien darstellt. Social Defeat wird als Form des Ausbleibens von Anerkennung und der Missachtung konzeptualisiert und anhand der Beispiele der Psychiatrisierung psychotischer Erfahrungen, des Rassismus sowie der Wohnungslosigkeit phänomenologisch dahingehend analysiert, inwiefern jene Ausgrenzungserfahrungen mit Veränderungen der basalen Erfahrungsstrukturen des subjektiven Erlebens einhergehen, die dem Erleben in der Schizophrenie ähneln. In einem nächsten Schritt werden mit Soteria-Einrichtungen, der modifizierten psychodynamischen Psychosen-Psychotherapie sowie dem Trialog gegenwärtige psychosoziale Hilfsangebote bei Schizophrenien dargestellt und dahingehend analysiert, inwiefern darin eine Haltung der Anerkennung gegenüber dem subjektiven bedeutsamen Erleben der Schizophrenie-Betroffenen zum Ausdruck kommt und inwiefern der begleitende, strukturierende therapeutische Umgang mit Psychoseerfahrungen eine Form wechselseitiger Anerkennung darstellt. Des Weiteren wird die kognitive Anerkennung des Erfahrungswissens von Betroffenen und Angehörigen im Trialog beschrieben und als bedeutsamer Faktor für eine partizipative Gestaltung der Psychiatrie in der Zukunft bestimmt. Die vorliegende theoretische Arbeit gibt auf der Basis einer phänomenologischen Methodologie Hinweise darauf, dass intersubjektive Anerkennung eine Rolle bei der Entstehung und Therapie von Schizophrenien spielen kann. Sie verbindet damit gegenwärtige sozialpsychiatrische und phänomenologische Debatten und trägt zu einem besseren Verständnis der intrapsychischen Mechanismen der Entstehung psychotischen Erlebens und seiner Therapie bei. Aus diesen Befunden lassen sich sozialpolitische Konsequenzen hinsichtlich der hohen Relevanz von sozialer Ungleichheit und Diskriminierungserfahrungen für die Entstehung einer schweren psychischen Störung wie der Schizophrenie ableiten. Für die klinische Praxis zeigt sich die große therapeutische Bedeutung einer anerkennenden Grundhaltung gegenüber psychotischem Erleben sowie der zentrale Stellenwert der therapeutischen Beziehung für das Gelingen von Psychosen-Psychotherapie, die durch wechselseitige Anerkennung gekennzeichnet sein sollte, welche sich insbesondere in zwischenleiblichen Prozessen manifestiert. This study investigates the significance of experiences of recognition for the onset and treatment of schizophrenia. It engages with current debates in social psychiatry and phenomenological psychiatry regarding the relevance of social factors to the understanding of schizophrenia. The introduction presents current perspectives on the psychiatric understanding of schizophrenia, outlines the relevance of recognition theories to the research question, and details the study's theoretical foundations in social psychiatry, phenomenological psychiatry, and Critical Theory. The second chapter contextualizes the psychiatric disorder of schizophrenia in terms of diagnosis, the history of psychiatry, and epidemiology. Subsequently, current findings on the onset, maintenance, and treatment of schizophrenia are presented; these suggest the need to qualify a predominantly biological perspective and increasingly focus psychiatric research on psychosocial aspects. Schizophrenia is then described from a phenomenological perspective as a disturbance of basic self-experience, accompanied by alterations in the affected individuals' experience of time and their capacity for action. Phenomenological research regarding the relevance of intersubjective factors to the onset and treatment of schizophrenia is reviewed, leading into the study's own phenomenology of recognition. The key theoretical foundations for the phenomenology of recognition developed here derive from the work of psychoanalyst Jessica Benjamin and philosopher Axel Honneth—both representatives of the Frankfurt School’s Critical Theory. In discussing these works, recognition is defined, on the one hand, as an attitude toward others—acquired during socialization—that signals their value to the other person. Furthermore, recognition is described as a reciprocal relationship centered on inter-corporeal and linguistic aspects that foster trust in the social world. The continuous experience of recognition is understood as significant for mental health and a self-determined life. An initial analysis of schizophrenia based on recognition theory—developed by social psychiatrist Erich Wulff—is presented and critically evaluated. Subsequently, empirical findings regarding the social determinants of schizophrenia are analyzed through the lens of recognition theory. Current social-psychiatric research is synthesized within the "social defeat" model, which describes the repeated experience of social exclusion as a risk factor for the development of schizophrenia. Social defeat is conceptualized as a form of denied recognition and disrespect; using the examples of the pathologization of psychotic experiences, racism, and homelessness, it is phenomenologically analyzed to determine how such experiences of exclusion are linked to alterations in the fundamental structures of subjective experience—alterations that resemble the experience of schizophrenia. Next, current psychosocial support services for schizophrenia—specifically Soteria facilities, modified psychodynamic psychotherapy for psychosis, and the "trialogue" approach—are presented and analyzed. This analysis examines the extent to which these approaches express an attitude of recognition toward the subjectively meaningful experiences of those affected by schizophrenia, and the extent to which the accompanying, structuring therapeutic engagement with psychotic experiences constitutes a form of mutual recognition. Finally, the cognitive recognition of the experiential knowledge held by service users and their families within the trialogue is described and identified as a crucial factor for the future participatory shaping of psychiatric care. Based on a phenomenological methodology, this theoretical study suggests that intersubjective recognition may play a role in the onset and treatment of schizophrenia. In doing so, it bridges current debates in social psychiatry and phenomenology, contributing to a better understanding of the intrapsychic mechanisms underlying the emergence of psychotic experience and its treatment. These findings point to significant socio-political implications regarding the critical role that social inequality and experiences of discrimination play in the development of severe mental disorders such as schizophrenia. For clinical practice, the study highlights the immense therapeutic value of maintaining an attitude of recognition toward psychotic experience, as well as the central importance of the therapeutic relationship—ideally characterized by mutual recognition manifested particularly through embodied, intercorporeal processes—to the success of psychotherapy for psychosis. [Mit KI übersetzt] |
|---|---|
| Beschreibung: | Online Resource |
| DOI: | 10.11588/heidok.00036401 |