Auf der Suche nach der vergessenen Schrift: die schriftliche Medialität des Erinnerns und Vergessen-Habens in Hugo von Hofmannsthals Erzählungen Die Wege und die Begegnungen, Erinnerung schöner Tage und Andreas von 1907

Der Beitrag erörtert, inwiefern Hugo von Hofmannsthals Erzähltexte Die Wege und die Begegnungen und Erinnerung schöner Tage von 1907 eine intra- und intertextuelle Poetik des Lesens, Vergessens, Erinnerns und Schreibens konzipieren, indem die beiden kurzen Texte genetisch parallel gelesen und poe...

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Bibliographic Details
Main Author: Bockius, Julian (Author)
Format: Chapter/Article
Language:German
Published: 02 January 2026
In: Die Vielschichtigkeit des Erinnerns
Year: 2025, Pages: 131-148
DOI:10.1007/978-3-662-72303-6_8
Online Access:Verlag, lizenzpflichtig, Volltext: https://doi.org/10.1007/978-3-662-72303-6_8
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Author Notes:Julian Bockius
Description
Summary:Der Beitrag erörtert, inwiefern Hugo von Hofmannsthals Erzähltexte Die Wege und die Begegnungen und Erinnerung schöner Tage von 1907 eine intra- und intertextuelle Poetik des Lesens, Vergessens, Erinnerns und Schreibens konzipieren, indem die beiden kurzen Texte genetisch parallel gelesen und poetologisch ausgelegt werden. Vergessen und Erinnern führen in den Wegen und Begegnungen zur subjektiven Verinnerlichung, die in Erinnerung schöner Tage wiederum als Grundlage des dichterischen Schaffens profiliert wird. Literatur und Poetik werden in Hofmannsthals Kurzprosa von 1907 als Produkt dieses mnemonischen Prozesses begriffen, der durch das Medium der Schrift ausgelöst wird und sich die vom Geschriebenen tradierte Überlieferung kreativ aneignet. Das Lesen führt zur kreativen Neugestaltung derjenigen Assoziationen, die sie im Individuum auslöst. Dieses Prinzip eines kreativen Lesens lässt sich mit Marcel Prousts Ausführungen Sur la lecture von 1905 vergleichen, welche den Abschluss einer Lektüre ebenfalls als Beginn eines Schaffensprozesses im Bewusstsein der Leser*innen definieren. Liefert die Produktivität des Vergessens Proust jedoch eine poetologische Grundlage für sein Romanprojekt À la Recherche du temps perdu, wird sie von Hofmannsthal ab 1907 im eigenen Romanfragment pessimistisch hinterfragt. Hofmannsthals Andreas-Roman führt die Erinnerungsfunktion des Schreibens fiktional im Scheitern vor. Neben poetologischen Berührungspunkten wird somit ein deutlicher Unterschied zwischen den beiden klassisch-modernen Autoren anschaulich: Zwar bestätigt die komparative Lektüre poetologischer Textpassagen Gemeinsamkeiten im theoretischen Denken der beiden Schriftsteller. Doch die literaturhistorisch naheliegende Erwartung vergleichbarer Umsetzung in der Gattung des Romans weicht letztlich dem Befund, dass Prousts Umgang mit der Verinnerlichung der subjektiven Vergangenheit einen monumentalen Roman bewerkstelligt, wohingegen die schriftliche Medialität des Erinnerns und Vergessen-Habens Hofmannsthals pessimistischer Kulturdiagnose nicht standhält.
Item Description:Gesehen am 23.03.2026
Physical Description:Online Resource
ISBN:9783662723036
DOI:10.1007/978-3-662-72303-6_8